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Zolder Drumherum

Zolder Drumherum

26. September 2013Das alles beherrschende Thema des Wochenendes in Zolder war der spektakuläre Unfall gleich im ersten Rennen des 8. Laufs zur FIA European Truck Racing Championship. Glücklicherweise ist nichts Schlimmes passiert – außer viel kaputtem Stahl, Blech und Plastik sowie einer gleich an mehreren Stellen zertrümmerten Begrenzungsmauer. Diese Bilder verdeutlichten allen Beobachtern wieder einmal, welche enormen Kräfte ein 5,5-Tonnenkoloss entwickelt, der mit dem Maximaltempo von 160 km/h über die Rennpiste donnert. Um dieselbe Bewegungsenergie zu erreichen, müsste beispielsweise ein F1-Renner mit rund 485 km/h über die enge Gerade in Zolder fahren. Da würden die F1-Piloten kaum mehr mitmachen. Alle Jahre wieder gibt es Diskussionen, ob man das in der FIA ETRC herrschende Tempolimit nicht auf 180 oder gar 200 km/h erhöhen sollte. Diese Geschwindigkeit zu erreichen, wäre für die bis 1.150 PS starken RaceTrucks ja überhaupt kein Problem. Nach dem fliegenden Start sind Renner nach nicht einmal 5 Sekunden auf 160. Bei der rund 500 Meter langen Start- und Zielgeraden wäre es für die Truckracer eine der einfacheren Übungen, auch ein wesentlich höheres Tempo zu erreichen.
Ebenso stiegen dann aber die Energiemassen, die ja auch wieder abgebremst werden müssten, überproportional an. Um bei dem Beispiel mit der Formel 1 zu bleiben. Hinsichtlich der Bewegungsenergie würden eine Temposteigerung von 40 km/h bei den RaceTrucks mehr als 120 km/h bei der F1 entsprechen – ein Sebastian Vettel würde dann also schon mit knapp 610 km/h die enge von Mauern rechts und links eingerahmte Gerade in Zolder entlang rasen müssen. Nur die wenigsten Rennstecken, auf denen die FIA ETRC fährt, hätten einen Sicherheitsstandard, der ein höheres Tempo als die derzeit geltenden 160 km/h überhaupt erlauben würde. Und wer das alles selbst noch einmal nachrechnen möchte, die Formel für die kinetische Energie lautet: M (Masse in KG) multipliziert mit V (Geschwindigkeit in Meter/Sekunde) zum Quadrat dividiert durch 2.
Bei einer Geschwindigkeit des Renntrucks von 160 km/h werden schon Kräfte von 5.431.012
Newtonmeter freigesetzt, und jeder Mechaniker in unserem Paddock, der schon mal die Radmuttern an den Renntrucks mit vielleicht 600 oder 700 Nm hat festziehen müssen, wird auch eine Vorstellung von den bei dieser Geschwindigkeit wirkenden Kräften haben.
Andererseits zeigte der Unfall einmal mehr, wie sicher unsere RaceTrucks tatsächlich sind. Dem Schweizer Markus Bösiger ist gar nichts passiert, tags darauf gewann er mit einem eiligst aus Tschechien herbeigeholten Ersatz-MKR-Renault gar das letzte Rennen.
Für den jungen Ungar Benedek Major hatte das OXXO-Team so schnell keinen Ersatz-MAN parat. Wahrscheinlich war es aber auch angebrachter, Major sich erst einmal von dem Schrecken etwas erholen zu lassen, zumal er am Samstag nach dem Rennen auch leicht humpelte. Ansonsten war Benedek aber bester Dinge.
Was gab es sonst noch so? Am Freitag bei den Läufen zum Freien Training schockte Ellen Lohr alle ihre Fans und die Mercedes-Benz-Freunde mit ihren Zeiten. Man weiß, der nicht mehr ganz taufrische RaceTruck zählt rein optisch zwar zu den Highlights im Starterfeld, um aber ganz vorn mitzufahren, fehlt es ihm vor allen Dingen an Power. Nun aber „zuckelte“ die Grand Dame des Truckracing pro Runde weit über 20 Sekunden der Spitze hinterher, und selbst die, die die deutsche Pilotin sonst locker stehen lässt, waren bis zu 15 Sekunden schneller als der Mercedes. Bis eben tankpool24-Teamchef Markus Bauer aufklärte. Es war ja wieder ein komplett neu aufgebauter Motor im Truck, und nach dem Desaster von Most, als ja gleich zwei Motoren den Geist aufgegeben hatten, wollte man es in Zolder ganz vorsichtig angehen. Das kleine Privatteam – ohne jegliche Werksunterstützung – kann nicht die Motoren zunächst auf einem Prüfstand testen und einfahren, wie es eben bei den Werksmotoren von MAN und Renault und auch bei Buggyra üblich ist. Die Maschine musste erst einmal auf der Rennstrecke zurückhaltend eingefahren werden. Am Samstag und Sonntag sah es bei den Rennen dann auch schon wieder ganz anders aus. Mit zweimal dem 11. Platz ist man nur knapp an den Punkterängen vorbeigerutscht.
Erst spät, der letzte Sonntagsbericht auf „truckracing.de / truckrace.info“ war schon im Netz, gab es die offiziellen Zuschauerzahlen: 12.000. Im letzten Jahr gab es am Sonntagabend nur eine Schätzung von zwischen 10 und 12 Tausend. Was also im ersten Moment etwas enttäuschend wirken könnte, ist in Zolder mit den nur wenigen Tribünen und dem schmalen, lang gezogenen Paddock eher normal. Als in der Vergangenheit auch schon mal 30.000 Fans hier waren, hat man sich beinahe zertreten, es war kaum mehr ein Durchkommen. Zudem gehört die belgische Rennstrecke zu den ganz wenigen, bei denen die Tickets am Eingang zum Areal nicht nur kontrolliert, sondern auch eingescannt werden. So kommen in die Zählung nur die gescannten Tickets. Viele Besucher und Fans, die in dem riesigen Bereich – dazu zählt ja nicht nur das Paddock, sondern auch der Campingplatz – während der ganzen Zeit tatsächlich auch leben, werden bestenfalls in den ersten Tagen mal kontrolliert, aber zu dem Zeitpunkt noch nicht gescannt. So tauchen sie dann auch bei den Besucherzahlen nicht mehr auf.
Und zum Schluss noch etwas, was vor allen Dingen den photographierenden Kollegen unangenehm aufgefallen ist. Jeder akkreditierte Photograph erhielt einen Plan, auf dem die roten Zonen, das heißt die Bereiche, an denen man bei den Rennen auf keinen Fall stehen darf, markiert waren – weil sie zu gefährlich sind. Genauso gefährlich sind diese Zonen natürlich auch für die ganz in Orange gekleideten Streckenmarshalls.
Manchen im orangenen Overall interessierte es aber wenig, selbst wenn sie von den Photographen darauf aufmerksam gemacht wurden. So standen einige Marshalls in der Schikane am Ende der Gegengeraden gar vor den Reifenstapeln – und so den Photographen, die sich mehrere Meter weiter hinter den Barrieren befanden, zum Teil im Bild. Auf entsprechende Hinweise reagierte man aber völlig verständnislos.
Allen, die sich die Videos vom schon oben erwähnten spektakulären Crash auf unserer Facebook-Seite angesehen haben – bis jetzt, Donnerstagabend, waren das immerhin schon über 400.000 – wird aufgefallen sein, wie knapp die Männer in Orange beim ersten Einschlag von Bösigers Renault in die Mauer einer Katastrophe entronnen sind. Und natürlich war der ganze Bereich entlang der Mauer auch rote Zone.

Impressionen:

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