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Navarra Drumherum

Navarra Drumherum

07. Juni 2013Wie in vielen anderen Ländern gibt es auch in Spanien Rennstrecken, bei denen man sich fragt, ob deren Bau tatsächlich unbedingt hätte sein müssen. Oft gibt es doch schon mehrere Strecken, manchmal gar soviel, dass es dafür überhaupt keine adäquaten Motorsportveranstaltungen mehr gibt. So ist denn ein Neubau einer Strecke häufig zunächst auch erst einmal ein ganz wichtiges Statussymbol für die jeweilige Region – insbesondere im motorsportverrückten Spanien. Deshalb werden diese Vorzeigeprojekte nicht selten auch massiv mit öffentlichen Geldern gestützt. Über die Wirtschaftlichkeit einer solchen Investition macht man sich dann erst einmal weniger Gedanken. Nun ist es längst kein Geheimnis mehr, dass Spanien unter einer massiven Wirtschaftskrise leidet. Manche Regionen sind davon aber ganz extrem betroffen – wie zum Beispiel die Region von Albacete. So sind die Truckracer nun also erneut nicht an dem traditionellen Albacete-Termin, dem ersten Juniwochenende, in die Mitte Spaniens gefahren, wo Cervantes’ Don Quichotte einst gegen die Windmühlen kämpfte, sondern blieb ganz im Norden gerade mal 150 Autokilometer hinter der Grenze zu Frankreich.
Dort in der Nähe des nicht einmal 1.300 Einwohner zählenden Dorfs Los Arcos, bisher eigentlich nur den Pilgern des Jakobswegs bekannt, war in den letzten Jahren der hochmoderne Circuito de Navarra entstanden. Zudem steht die Region von Navarra finanziell auf ganz anderen Füßen, sie gehört eindeutig zu den reicheren Gegenden der iberischen Halbinsel.
Hier wollte und konnte man sich offensichtlich auch eine Großveranstaltung wie die FIA European Truck Racing Championship leisten. Die einsam wirkende Gegend täuscht etwas darüber hinweg, wie viele Menschen hier tatsächlich leben. Innerhalb eines Radius von weniger als einer Autostunde liegen die Großstädte Pamplona, Vitoria Gasteiz und Logrono mit insgesamt mehr 600.000 Einwohnern. Nicht mehr als zwei Autostunden entfernt liegen weitere Großstädte wie Bilbao, Santander, San Sebastian, Gijon, Burgos und auch Zaragoza, wo allein fast 700.000 Menschen leben. Wenn man sich das vor Augen führt, überraschen die insgesamt mehr als 35.000 Zuschauer nicht mehr wirklich. Damit avancierte die FIA ETRC gleich zur publikumswirksamsten Veranstaltung am Circuito de Navarra und schlug in diesem Bereich beispielsweise auch die FIA GT1 World Championship mit ihren rund 18.000 Zuschauern um Längen.
Auch die Truckracer waren ganz angetan von dieser neuen Rennstrecke. Das Einzige, was wirklich unangenehm auffiel, war der extreme Wind. Die Rennstrecke liegt aber nun auch gut 500 Meter hoch, umgeben von den westlichen zum Teil 1.000 Meter hohen Ausläufern der Pyrenäen – und da pfeift es gelegentlich dann eben schon mal schon recht heftig. Nicht wenige fühlten sich – auch von der Landschaft drum herum – an den Nürburgring erinnert.
Der Kurs hat’s in sich, wie die deutsche MAN-Pilotin Stephanie Halm schon nach der ersten Inaugenscheinnahme bemerkte. Die ganz scharfen und dann wieder die langgezogenen schnellen Kurven, die sich abwechselnden Gefäll- und Steigungsstrecken, da bleibt den Pilotinnen und Piloten kaum eine Sekunde zum Durchatmen. Rennerfahrung und fahrerisches Können spielten denn auch hier eine wesentliche größere Rolle als an vielen anderen Rennstrecken. Der Ungar Norbert Kiss (MAN) hatte zudem noch den Vorteil, dass er im Rahmen des spanischen Seat Cups hier schon einige Rennen absolviert hatte.
27 RaceTrucks tummelten sich auf der Piste, da gab es beinahe zwangsweise immer wieder mehr oder weniger heftige Berührungen. Dabei lösten sich nicht nur Teile der Kunststoffverkleidung, vom Renault des Schweizers Markus Bösiger flogen gar Metallteile quer über die Piste. Dennoch wurde kein RaceTruck mehr in die Boxengasse beordert, um lose Teile durch die Mechaniker entfernen zu lassen. In Misano hatten diese Entscheidungen der Rennleitung noch für viel Frust und Ärger unter den Teams gesorgt.
Dafür gab es im letzten Rennen auf dem Circuito de Navarra einen anderen Aufreger, nachdem die beiden deutschen MAN-Piloten Markus Oestreich und René Reinert anfangs der Start-und-Ziel-Geraden aneinander geraten waren. Der MAN von Oestreich blockierte anfangs gar noch mehr als die Hälfte der Geraden. Die Marshalls erkannten gleich die gefährliche Situation und hatten die roten Flaggen für den Rennabbruch schon in der Hand. Sie warteten nur noch auf den Einsatzbefehl – doch die Rennleitung ließ das Rennen weiterlaufen. Wie knapp Oese, der zu dem Zeitpunkt noch in seinem Truck saß, und sein ungarischer Markenkollege Benedec Major anschließend an einer Katastrophe vorbei geschrammt sind, zeigen die Video-Aufnahmen von TRO-TV und auch die von Majors Team OXXO.
Reinert bestrafte man anschließend nicht nur damit, dass man ihn aus dem Rennen nahm, sondern er bekam für die nächste Startaufstellung in Nogaro auch gleich mal eine Rückversetzung um fünf Plätze aufgebrummt. Zusätzlich schwebt über dem MAN-Piloten auch noch das Schwert der verschärften Beobachtung für die nächsten zwei Rennwochenenden.
Das war für einige Beobachter wenig nachvollziehbar. Auch Oestreich, sonst um einen bissigen Kommentar eigentlich nie verlegen, betrachtete die Kollision mit Reinert mehr als einen Rennunfall. Ganz anders kommentierte der Fuldaer dagegen die Entscheidung der Rennleitung, das Rennen nicht abzubrechen.
Diverse Teams fuhren von Navarra mit ihrem ganzen Tross gar nicht erst wieder zurück in die Heimat, sondern brachten ihre Sattelzüge oder zumindest Teile ihres Equipments direkt zum Circuit Paul Armagnac, schließlich lag Nogaro für viele beinahe auf Ihrem Weg in die Heimat. Andere brachten ihre Fahrzeuge nach Toulouse auf das Firmengelände des TRO-Chefs und FIA-Koordinators Fabien Calvet.
Im Prinzip hätten es die Truckracer schon sehr begrüßt, wenn die beiden Rennen in Navarra und Nogaro binnen Wochenfrist gewesen wären – man hätte sich dann eine Menge Kilometer und insgesamt auch einiges an Zeit sparen können.
Wer sich selbst ein Bild von den Ereignissen in Navarra machen will, am morgigen Samstag um 10:45 gibt es auf Sport1 die TRO-TV-Reportage.

Impressionen:

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