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Smolenskring Drumherum

Smolenskring Drumherum

10. August 2011Der 6. Lauf zur FIA European Truck Racing Championship am Smolenskring, der ja nicht bei Smolensk liegt, sondern in der kleinen Ortschaft Veskhnedneprovskiy, was aber kaum ein nicht russisch Sprechender wirklich aussprechen kann, war wieder ganz anders als all die anderen Rennen. Die Reise der Teams ist nun mal ungemein lang, manche brauchen gut 14 Tage, dazu gibt es im Vereinten Europa längst vergessene Grenz- und Zollkontrollen. Dennoch ging all dies im zweiten Jahr wesentlich unproblematischer über die Bühne. Und beim Rennen gab es im Gegensatz zum letzten Mal nicht nur geladene Gäste, sondern die Truckracing-Fans konnten auch Tickets kaufen. 500 Rubel kostete das Tribünenticket – die Tribünen boten allerdings gerade mal 1.000 Besuchern Platz – und 200 Rubel der Eintritt allein ins Fahrerlager – ohne Tribünenzutritt (1 Euro sind etwa 40 Rubel). Doch die meisten Fans umsäumten eh die Zäune der Rennstrecke oder aber saßen genau auf der anderen Seite auf einer steil ansteigenden Waldschneise – und all das ganz umsonst. Dort hatten sie dann auch einen ganz hervorragenden Blick auf beinahe die komplette Piste, genauso wie die Mitglieder von MAN Trucker´s World, die auf einer kleinen Plattform eine ganze Zeltstadt aufgebaut hatten. Die russische Sektion des MAN-Fahrer-Clubs war erst in Smolensk gegründet worden, und Franz Echter, MAN-Dakar-Legende und gerade erst von der Silk-Way-Rallye quer durch Russland zurück, erhielt den Mitgliedsausweis mit der Nummer 1. Und Echter konnte sich mit einem anderen MAN-Piloten freuen, der derzeitigen Nummer 1 in der ETRC-Gesamtwertung, Jochen Hahn. Auch wenn der Schwabe längst nicht so überlegen war wie in den Rennen zuvor. Die direkten Konkurrenten jedoch patzten einige Male, und so sammelte Hahn wieder einmal die meisten Punkte und konnte seinen Vorsprung gar noch vergrößern. Antonio Albacete, Hahns Markenkollege aus Spanien, hatte zudem noch einen Totalsausfall, und Markus Oestreich, der deutsche Renaultpilot und der Dritte aus dem Führungstrio büßte in Russland knapp 30 Punkte gegenüber dem Spitzenreiter ein. Allerdings war der lange Fuldaer stinksauer über manche Entscheidungen der Rennkommissare ebenso wie über die der Marshalls, was ihm sowohl Strafzeiten und als traurigen Höhepunkt gar eine Disqualifikation einbrachte. Überhaupt gab es disziplinarische Entscheidungen, die bei den Beobachtern häufig nur Verwunderung hervorriefen. Aber nicht nur die Piloten waren davon betroffen, auch die Photographen und Kameraleute. Offensichtlich mit den Gepflogenheiten und den Regeln eines Laufs zur FIA European Truck Racing Championship nicht sonderlich vertraut, riefen die Marshalls so manches Ärgernis hervor. Und so wurde denn auch schon mal ein Kameramann dazu verdonnert, auch noch die Rennen der Rahmenserien abwarten zu müssen, weil man ihn zwischen den Rennen – wie sonst allerorten üblich – partout nicht über die Stecke lassen wollte. Von einem Moment zum anderen verboten einzelne Marshalls den Medienvertretern den Zugang zur Boxenmauer, sogar jenen mit dem Official-Ticket, mit dem eigentlich der Zugang selbst ins Allerheiligste der Rennstrecke möglich war, während Hunderte von Teammitgliedern und VIP-Gästen den Piloten von der Mauer aus zuwinken konnten.
Man müsse die Marshalls, die vorwiegend aus Moskau kämen, wohl doch noch intensiver schulen, meinten Vertreter des Veranstalters.
Egon Allgäuer war ja mit seinem Tross zuvor noch in Sankt Petersburg gewesen – für PR-Aktion auf der neuen Rennstrecke dort. Verantwortliche des Smolenskrings führten ausführliche Gespräche mit dem einflussreichen Teambesitzer aus Österreich, dabei werden sicherlich auch solche Dinge zur Sprache gekommen sein.
Aber es gab auch ein paar Punkte, die durchaus auch für andere Rennen überlegenswert wären. So stand das Podium für die Siegerehrung nun in Richtung Paddock, wo dann eben nicht nur Privilegierte und die Team-Mitglieder den Siegern zujubeln konnten. Bei der Zeremonie für die Mid-Jets, die im Rahmenprogramm mitfuhren, standen am Schluss alle Piloten oben auf dem Podium – und alle Team-Mitglieder, Freunde und Fans unten und jubelten. Bei den Truckracern hat es sich in den letzten Jahren leider so eingebürgert, dass fast nur noch diejenigen, die einem der oben Stehenden auf irgendeine Weise verbunden sind, zur Siegerehrung gehen – der Rest verkrümelt sich derweil schnell im Fahrerlager.
Auf einer großen Terrasse gab es eine gut besuchte Pressekonferenz, die als Konferenz allerdings etwas unter den Sprachschwierigkeiten und den damit verbundenen oft mehrfachen Übersetzungen litt – vielleicht war das Podium auch zu vielköpfig besetzt. Denn anschließend gab es noch diverse Einzelinterviews russischer Journalisten, und die schienen dann wesentlich lebhafter.
MAN und Renault Trucks waren schon im letzten Jahr ebenso wie jetzt mit ihren PR-Aktivitäten und ihrem finanziellen Engagement wieder die maßgeblichen Träger der Veranstaltung. Aber auch die russische Dependance eines großen deutschen Unternehmens, das sich ansonsten im Truckracing nicht unbedingt an vorderster Front zeigt, war am Smolenskring außerordentlich aktiv. Für die Prämierten in der Truckracing-Team-Championship sowie für die jeweils drei Erstplatzierten der Rahmenrennen gab es Werkzeuge etc. aus dem riesigen Bosch-Programm. Da wird Lutz Bernau sich wohl beinahe ungläubig die Augen gerieben haben, denn er hat in diesem Jahr mehr denn je Probleme, gerade auch Sach-Prämien für die von ihm initiierte Sponsor-Challenge zu bekommen.
Aber hier ist die Siegerehrung ja auch erst am Samstagabend des Rennens in Jarama – vielleicht tut sich bis dahin noch etwas.
Auf der Rückfahrt verliefen die Formalitäten an der Grenze zwar genauso behäbig, letztendlich aber auch ebenso problemlos wie im letzten Jahr.
Dennoch sind die Ansichten zu einem Lauf der FIA European Truckracing Championship weiterhin eher geteilt. Der finanzielle, zeitliche und persönliche Aufwand ist sehr viel größer als bei jedem anderen Rennen – das macht auch das höhere Startgeld nicht wett. Normale Kfz-Versicherungen gelten häufig nicht für Russland, die müssen dann zusätzlich abgeschlossen werden, Vollkasko-Versicherungen gibt es eigentlich gar nicht. Da fragt sich so manches gerade von den kleineren Privatteams, ob sich das Risiko, ob sich der Aufwand lohnt. Gelohnt hat es sich wohl für Florian Orsini (FRA) und Jose Bermejo (ESP), denn die holten sich auf dem Smolenskring ihre ersten Saisonpunkte.

Impressionen:

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