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Albacete Vorbericht

Albacete Vorbericht

01. Juni 2011Denkt man an Albacete, erwartet man zumindest für Anfang Juni, also immer dann, wenn die Truckracer an der schmalen, kurvenreichen Rennstrecke auf dem kargen Hochland von La Mancha Station machen, heiße und trockene Tage. Doch nun prophezeien die Wetterfrösche für den 3. Lauf der FIA European Truck Racing Championship Temperaturen von gerade mal 20 Grad und Regen. Da erinnert sich wohl so mancher an das Unwetter von 2008, als während des letzten Rennens am Sonntagnachmittag der Himmel seine Schleusen öffnete. Das Rennen musste abgebrochen werden, im Paddock stand das Wasser zentimeterhoch, und der Tunnel war um mehr als eineinhalb Meter überflutet, sodass man auf dem üblichen Weg das Fahrerlager nicht mehr verlassen konnte. So schlimm wird es diesmal wohl nicht kommen, dennoch das Regenrisiko liegt bei über 60 Prozent. Optimisten lesen daraus natürlich eine gut 40prozentige Wahrscheinlichkeit, dass es trocken bleibt.
Aber es gibt durchaus auch eine Reihe von Truckracern, denen Regen beim Rennen gar nicht so ungelegen käme, und dazu gehört wohl auch das 3-M-Team. Mario Kress und seine beiden Markusse – Oestreich aus Deutschland und insbesondere Bösiger aus der Schweiz – werden mit den Rennen in Misano nicht sonderlich zufrieden gewesen sein. Da waren die MKR-Renaults weit entfernt von der Dominanz, mit der die schwarz-roten Renner im letzten Jahr einzelne Rennen beherrscht hatten. Und dann denken die MKR-Jungens insbesondere an den Regensonntag von Zolder, als die Renaults der Konkurrenz regelrecht um die Ohren fuhren.
So verfuhr zuletzt in Misano auch Jochen Hahn mit seinen Gegnern. Der Deutsche ist mit seinem MAN der erste Pilot, dem es nach der Änderung des Reglements gelang, sämtliche vier Rennen eines Wochenendes zu gewinnen. Nach dem unglücklichen Saisonauftakt in Donington übernahm Hahn damit auch die Führung im Gesamtklassement. Ungekrönter König von Albacete ist allerdings Antonio Albacete. Auch wenn der spanische Pilot aus Madrid kommt, kennt er auf der Rennstrecke, die genauso heißt wie er selbst, jeden Stein, kann jede Kurve mit geschlossenen Augen fahren und holte sich im letzten Jahr schließlich hier auch 59 von 60 möglichen Punkten.
Mit dem Teamkollegen Uwe Nittel hat der Lokalmatador harte Konkurrenz im eigenen Haus. Das deutsche Rallye-As war zuletzt wegen seines manchmal etwas robusten Fahrstils und insbesondere wegen seines spektakulären Crashs in Misano arg gescholten worden. Dass Nittel dies aber bestens verdaut hat, bewies er erst am vergangenen Wochenende in seiner eigentlichen Domäne, als er bei einer Rallye in Italien in seiner Klasse alles dominierte. Sein Kontrahent im Misano-Crash, der zweifache tschechische Europameister David Vrsecky, hinkt derzeit seinen früheren Erfolgen etwas hinterher. Zudem ist auch nicht klar, was das Buggyra-Team aus den Freightlinern von Vrsecky und dem seines neuen Teamkollegen Chris Levett (GBR) tatsächlich noch herausholen kann. Die RaceTrucks sind ja nicht mehr ganz jung, und der frühere Buggyra-Vordenker Kress hat mittlerweile mit MKR seinen eigenen Rennstall. Und dort entwickelt der erfolgreichste RaceTruck-Konstrukteur auf seinem eigenen Motoren-Prüfstand die Renaults immer weiter. Ebenso sieht es bei MAN aus, auch hier scheint man sich von Rennen zu Rennen zu steigern – siehe Hahn in Misano.
Nimmt man nun noch den MKR-Renault-Junior-Piloten Adam Lacko (CZE) dazu, der im Gesamtklassement noch vor den Buggyras liegt, hat man die potentiellen Podiumskandidaten schon zusammen. Etwas hinter den Erwartungen zurück blieben bisher Nummer vier und fünf des fünfköpfigen MAN-A-Fahrerfelds, Alex Lvov (RUS) und Stuart Oliver (GBR), denn vom Potential her müssten auch die beiden Gelben durchaus aufs Treppchen fahren können.
Aber das Truckracing-Feld besteht ja nicht nur aus diesen Zehn, insgesamt sind für Albacete sogar 32 RaceTrucks gemeldet – darunter allein 13 Race-by-Race-Piloten.
Stephanie Halm, der heimliche Medienstar von Misano, wird voraussichtlich allerdings nicht in Albacete antreten. Am tankpool24-Mercedes war nach dem Schlag eines gegnerischen RaceTrucks auf die Achse nicht nur, wie ursprünglich angenommen, die Felge defekt. Die Reparatur und auch die Ersatzteilbeschaffung gestalteten sich für das kleine Privatteam schwieriger als erwartet. Und so ist es derzeit auch eher unwahrscheinlich, dass die junge Deutsche in Albacete tatsächlich an den Start gehen wird.
Aber wer weiß, wofür es gut ist, 32 Trucks auf dieser engen, mit scharfen Kurven übersäten Piste, da sind Kollisionen eigentlich schon vorprogrammiert. Zudem sind die Leistungsunterschiede der meisten Trucks aus der Spanischen Meisterschaft zu den FIA-Rennern aus der Europameisterschaft so enorm, dass Überrundungen in Albacete an der Tagesordnung sind. Da es manchen Piloten aber auch an ausgeprägter Renn-Erfahrung mangelt, kommt es gelegentlich selbst beim Überrunden zu haarsträubenden Situationen – Markus Oestreich kann davon ein Liedchen singen.
Doch was die Spitzenpiloten zur Verzweifelung treiben kann, erfreut dann eben die Fans auf den Tribünen.

Impressionen:

Albacete Vorbericht
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