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Zolder Drumherum

Zolder Drumherum

14. September 2010Nach einem – wetterbedingten – relativ trostlosen Freitag gab es in Zolder ein – vor allem sportlich – höchst interessantes Wochenende. Auch wenn der Renault vom Team 14 im 1. Freien Training nur wenige Meter fuhr – ein vor Ort irreparabler Motorschaden – war die Dominanz der beiden Renaults von MKR-Technology für die Konkurrenz schon beinahe beängstigend. Antonio Albacete scheint sich jedoch durch nichts beeindrucken zu lassen und meidet klug jedes größere Risiko. Mit einem Vorsprung von 43 Punkten auf den Schweizer Markus Bösiger gilt der Spanier auf seinem knallroten MAN weiterhin als erster Meisterschaftsanwärter. Markenkollege Jochen Hahn, bis Zolder schärfster Verfolger des Madrilenen, hatte nach einem grauen Samstag einen pechschwarzen Sonntag. Im Zeittraining kam er auf klitschnasser Piste überhaupt nicht in Fahrt, und fuhr die mit Abstand schlechteste Zeit. Mit den aufgezogenen Reifen hatte der Deutsche voll daneben gegriffen. Im Rennen startete Hahn dann eine furiose Aufholjagd, lag bereits wieder in den Punkten – und rutschte dann auf der weiterhin glitschigen Piste ins Kiesbett – ein Null-Punkte-Rennen. Auf der anderen Seite legten die beiden MKR-Renaults, nachdem sie sich schon am Samstag – auf trockener Piste – als Abräumer erwiesen hatten, bei den widrigen Sonntags-Verhältnissen eine Performance an den Tag, dass der Konkurrenz einfach nur noch die Spucke wegblieb. Insbesondere im letzten Rennen, spielten die beiden Markusse – der Bösiger aus der Schweiz und der Oestreich aus Deutschland – regelrecht mit ihren Gegnern. Wie hätte das Ganze wohl ausgesehen, wäre da bei Bösiger nicht im Rennen zuvor die Bremsscheibe gerissen.
Im Nachhinein wird Mario Kress sicher schon mal ganz still resümiert haben, wo seine beiden Fahrer jetzt stehen würden, hätte es noch öfter so gegossen. Aber der deutsche Teamchef ist schon zu lange dabei, als dass er sich mit „hätte“, „ wenn“ und „wäre“ intensiv beschäftigen würde.
Sehr viel mehr beschäftigten sich eigentlich alle Teams mit den Zeitstrafen wegen Overspeed. In Most hatte es Bösiger getroffen, obwohl man bei MKR-Technology meinte, anhand der Datenaufzeichnung belegen zu können, dass der Renault mit der Nr. 4 nie schneller als die erlaubten 160 km/h unterwegs war. Nun erwischte es in Zolder gleich vier Top-Piloten, den tschechischen Titelverteidiger David Vrsecky (Buggyra Freightliner) und die drei MAN-Piloten Albacete, Hahn und Chris Levett (GBR).
Und in keinem der Teams konnte man die GPS-Messung von ERTF nachvollziehen. Die französische Firma ist seit der Saison 2002 für die Überwachung des Speedlimits im europäischen Truckracing verantwortlich, und es hat immer wieder Differenzen zwischen den Daten-Aufzeichnungen der Teams und den offiziellen Messungen gegeben. In diversen Artikeln hier in diesem WebPortal ist auf die unter bestimmten Umständen nicht ausreichend exakte GPS-Messung hingewiesen worden. Aus Teamkreisen verlautete nun in Zolder, dass Albacetes Truck gar 167 Km/h gefahren sein soll. Dennoch erhielt der Spanier einen Zeitzuschlag von „nur“ 10 Sekunden, was ihn aufgrund seines großen Vorsprungs keine Plätze kostete. Das hieße sein Vergehen habe zwischen ein und vier Sekunden gedauert – gemäß FIA-Reglement:
“For a 1st infraction:
Speeding for longer than (1 second or) 4 GPS pulses:
The driver will have 10 seconds added to his race time;
Speeding for a period of 5 or 6 seconds:
The driver will have 20 seconds added to his race time;
Speeding for a period of 7 seconds:
The driver will have 30 seconds added to his race time;
Speeding for a period of 8 seconds or more:
The driver will be excluded from the race.
For a second infraction, the time penalties will be added to the first. For a third infraction, the driver will be excluded from the race.”
In weniger als 4 Sekunden den Truck von den erlaubten 160 km/h auf 167 hochzutreiben und dann den Fünfeinhalbtonner wieder auf 160 oder weniger abzubremsen, wäre technisch vielleicht möglich, praktisch aber recht unwahrscheinlich. Die Verantwortlichen im Team bestreiten eh vehement, dass der Truck überhaupt zu schnell gewesen sei. Auch bei Hahn, Levett und Vrsecky hieß es, die eigenen Datenaufzeichnungen würden nichts hergeben, was auf Overspeed schließen ließe.
Immer wieder beklagen sich die für die Telemetrie in den Teams verantwortlichen Techniker, dass man keinen Einblick in die Meßmethoden von ERTF bekomme. Wer sich etwas intensiver mit den Unzulänglichkeiten des GPS-Systems beschäftigt weiß, dass noch zusätzlicher Aufwand betrieben werden muss, um exaktere Daten zu bekommen.
Und je mehr Satelliten zur Verfügung stehen, umso genauer die Messung, das weiß jeder Autofahrer von seinem Navigationssystem. Wenn aber, wie in Zolder gemunkelt worden ist, dort tatsächlich oft nur 3 Satelliten – die Mindestanzahl, um überhaupt eine 2D-Messung durchführen zu können – angepeilt werden konnten, dann würde das zwar reichen, um einen Autofahrer halbwegs genau zu seinem Ziel zu bringen, nicht aber, um exakte Messungen in einem Geschwindigkeitsbereich von 160 km/h durchzuführen – das sind immerhin mehr als 44 Meter pro Sekunde.