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Le Mans Drumherum

Le Mans Drumherum

24. September 2009Einmal mehr in diesem Jahr hatten die Truckracer Glück mit dem Wetter, insbesondere für den Sonntag waren ja Schauer vorhergesagt worden. Bei der Einführungsrunde zum letzten Rennen bemerkten die Piloten dann tatsächlich auch ein paar Regentropfen auf der Windschutzscheibe, dabei blieb es erfreulicherweise aber auch. Am Freitagabend hatte es allerdings kräftig geschüttet. Beide Fahrerlager in Le Mans sind ja etwas abschüssig, und besonders die Teams in der untersten Reihe im Support Paddock hatten plötzlich zentimeterhoch das Wasser in ihren Zelten stehen. Auch ansonsten spielte sich das für eine Nachbetrachtung Bemerkenswertere eigentlich mehr neben der Rennstrecke als auf der Piste ab.
Diesen Lauf zur FIA European Truck Racing Championship nennt der Veranstalter in Le Mans ja nicht umsonst 24 Heures Camions, der Bezug zum berühmtesten Rennen auf dem Circuit de la Sarthe ist durchaus gewollt. Neben Motorsport sind die großen Rennen in Le Mans in erster Linie auch ein gehöriges Spektakel und Volksfest. Zwar vermisste man in diesem Jahr das berühmte Riesenrad, dennoch waren dort mehr Kirmes-Attraktionen als auf manchem Kleinstadtjahrmarkt. Am Samstagabend gab es auf der Zielgeraden vor den Haupttribünen wieder eine tolle Show – allerdings verbunden mit einem kaum mehr erträglichen Lärmpegel, dagegen hätte der Sound der RaceTrucks keine Chance mehr gehabt. Je lauter es wurde, desto mehr meinte auch der Sprecher, seine eigene Lautstärke steigern zu müssen. Und all dies wurde auch direkt ins Fahrerlager übertragen, die Lautsprecher dort überschlugen sich fast. Manchen war das so unangenehm, dass sie die Flucht ergriffen. Und wer dann bis in die historische Altstadt von Le Mans kam, dem wurde dort ein echtes Kontrastprogramm geboten, „La Nuit des Chimeres“. An dem Wochenende zum letzten Mal dienten die alten Gemäuer als Leinwand für im wahrsten Sinne des Wortes phantastische Darstellungen mystischer Figuren und Fabelwesen per Beamer-Projektionen.
An der Rennstrecke gab es neben der Action vom Samstagabend auch solche, allerdings weniger erfreuliche hinter den Kulissen. Schon beim ersten Rennen fühlte sich Stuart Oliver massiv benachteiligt, als er wegen Overspeed disqualifiziert worden war. Dies kostete den Engländer 6 wertvolle Punkte im Kampf um den 7. Platz in der Meisterschaft. Scheinbar hatte das GPS-Kontrollsystem von ERTF an seinem MAN-RaceTruck nicht funktioniert. Anschließend seien seine Telemetriedaten überprüft worden, und man habe festgestellt, es habe kein Overspeed gegeben, so Oliver anschließend. Dennoch sei die Disqualifikation nicht zurück genommen worden.
Nicht weniger sauer war nach dem letzten Rennen Markus Bösiger. Ihm war wegen Anstoßens des Russen Alexander Lvov – nach Ansicht der Beobachter ein Vorfall, wie er zigmal im Rennen vorkommt – eine Durchfahrtsstrafe verpasst worden. Dadurch fiel der Schweizer weit ans Ende des Feldes zurück.
Ebenfalls ein möglicher Overspeed-Vorfall, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen, da er nicht sanktioniert wurde, war dann wohl der Auslöser für den heftigsten Aufreger des Wochenendes, den sofortigen Rücktritts Fabien Calvets von seinem Posten als FIA Technical Delegate. In den Aufgabenbereich des früheren französischen Truckracers fiel allerdings sehr viel mehr als nur die technische Kontrolle der Renntrucks. Er organisierte nicht nur jeweils mit den örtlichen Veranstaltern die Fahrerlager, er war während der Rennen bei allen Vorfällen auch erster Ansprechpartner. Und dann gab es im letzten Rennen des Samstags eine Overspeed-Meldung, von der es anschließend hieß, sie sei von Calvet weitergeleitet, dann aber von den zuständigen Institutionen nicht mehr weiter bearbeitet worden. Allein das wäre für den Franzosen wahrscheinlich nicht unbedingt ein Rücktrittsgrund gewesen, doch bereits in Most sickerte durch, dass der FIA Technical Delegate am Ende der Saison seine Ämter voraussichtlich niederlegen werde, um sich neuen Aufgaben rund um das Truckracing widmen zu können. Theoretisch steht die Truck-EM beim Finale nun ohne Technik-Chef da. Vielleicht kann man Calvet ja doch überreden, die Saison noch zu Ende zu führen – allein um des Truckracing willens. Jetzt müsste erst einmal die Truckracingkommission den nächsten Zug machen, da sollte sich auch klären lassen, was aus dieser Overspeed-Meldung geworden ist. Nach Jarama sollte ausreichend Zeit sein, Fragen und Probleme zu lösen.
Die Rennen selbst waren im Vergleich dazu wesentlich weniger brisant. Eigentlich gar nicht richtig beachtet, waren die Plätze im Team-Championat definitiv schon in Le Mans endgültig entschieden worden. Unter günstigsten Umständen kann ein Team an einem Wochenende maximal 108 Punkte einfahren, doch schon vor dem Finale in Jarama sind die Punktabstände zwischen den einzelnen Teams jeweils größer.
Team-Champion ist erneut Buggyra mit David Vrsecky und Markus Bösiger vor dem neu gegründeten Team HahnOxxo mit Jochen Hahn und Balazs Szobi. Wie schon im letzten Jahr kam das Team Frankie mit Frankie Vojtisek und Markus Altenstrasser auf den dritten Platz vor dem erst spät in den Wettbewerb eingestiegenen Team Bird’s-Bernau mit Chris Levett und Dominique Lacheze.
In der Einzelwertung sind aus dem Vierkampf des Spitzenquartetts nun zwei Duelle geworden – einmal um den Titel und zum anderen um den dritten Platz. David Vrsecky und Antonio Albacete trennen gerade Mal 10 Punkte, der Abstand zwischen Jochen Hahn und Markus Bösiger ist mit 24 Zählern etwas größer. Aber jeder Pilot kann sich in Jarama noch 60 Punkte sichern, und alle haben schon mal die Erfahrungen machen müssen, wie schnell gerade im Truckracing ein vermeintlich beinahe uneinholbarer Vorsprung dahinschmelzen kann.
Le Mans komplett in bewegten Bildern gibt es am kommenden Samstag um 10:45 Uhr auf DSF und bald auch mit noch mehr Hintergrundinfos den schweiz5-Report hier auf dem WebPortal als Video-Streaming.