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Der Sonntag in Zolder

14. September 2003Zolder - Noch am Abend - lange nach dem Cup-Race - konnte Gerd Körber seine Enttäuschung nicht verbergen. Der Sunnyboy unter den Truckracern ist eigentlich fast immer gut gelaunt, doch der Verlauf des letzten Rennens war ihm doch sehr auf den Magen geschlagen. Im Prinzip hätte es in Zolder das Buggyra-Wochenende schlechthin geben können, verband das Team doch gerade mit diesem Circuit im Herzen Belgiens beste Erinnerungen. Hier vor genau einem Jahr setzte Gerd aus ursprünglich aussichtloser Position zur Verfolgung Harri Luostarinens an und entriss dem Finnen ja dann noch im letzten Rennen am Lausitzring den Europameistertitel. Diesmal zeigte sich die Dominanz der Superracer aus Tschechien bereits im Ergebnis des Zeittrainings, in dem die Buggyras klar die ersten drei Plätze belegten. Körbers ärgster Konkurrent um den Titel, Markus Oestreich folgte erst in der dritten Startreihe neben seinem Stallgefährten Harri Luostarinen. Schon in der dritten Kurve landete dann der Fuldaer nach einem Rempler mit David Vrsecky rettungslos im Kies, so konnte Körber sein Rennen ganz bequem hinter Polesetter Antonio Albacete zu Ende fahren. Gelegentlich musste der Rheinauer nur mal Acht geben, dass nicht doch noch der gelbe Tatra von Adam Lacko an ihm vorbeihuschte. Vrseckys Buggyra hatte sich gleich zu Anfang einen Turboschaden eingefangen, so dass der blaue Truck selbst noch dem gut 15 Jahre alten Volvo von Maurice Monfrino hinterher tuckerte. <br />
Wesentlich dramatischer verlief allerdings das nachmittägliche Cuprennen. Schon in der &quot;1ste Linkse&quot; gleich nach dem Start schlug für Gerd Körber das Schicksal zu. Seiner Ansicht nach hatte Polesetter Albacete den Start &quot;verpennt&quot; und dann in seiner Übermotivation einfach den Bremspunkt verpasst, als der aus der dritten Position gestartete Lacko plötzlich an der Spitze auftauchte. Noch vor der &quot;Sterrenwacht&quot; schossen sich die aussichtsreichsten Buggyras gegenseitig von der Piste. Lacko übernahm die Führung, Albacete setzte zur Verfolgung an und Körbers Truck fiel schwer gezeichnet ans Ende des Feldes zurück. Dabei hatte er gar nicht unbedingt auf Sieg fahren wollen, wie er später sagte. Er wäre mit 15 EM-Punkten für einen zweiten Platz hinter dem Spanier höchst zufrieden gewesen. Stattdessen zeigte sein großer EM-Konkurrent - die Gunst der Stunde nutzend - eine grandiose Verfolgungsjagd. Markus Oestreich wurde nun das Glück zuteil, dass ihn im Qualirace verlassen hatte. Nach und nach überholte er die Konkurrenz und Runde um Runde verkürzte er auch den Abstand zum Spitzenreiter Lacko. Der Streckensprecher sagte schon einen dramatischen Endkampf voraus, stattdessen fing in Lackos Truck noch in der vorletzten Runde zum Entsetzen des Matejovsky-Teams die Einspritzpumpe an zu streiken. Oese katapultierte so seinen PAM-03 vom letzten Startplatz auf 1. Beinahe wäre das Glück für das Deutsche Post Team vollkommen gewesen. Über zwei Drittel des Rennens lag Harri Luostarinen sicher auf dem dritten Podiumsplatz, bis er sich infolge der bekannten Bremsprobleme seines Trucks in völlig unbedrängter Situation in der Jaky Ickx Schikane drehte und Albacete mühelos an ihm vorbeiziehen konnte. Körber hielt es so lange wie möglich auf der Piste, um wenigstens noch die Mindestanzahl an Runden zurückzulegen und so die 4 Punkte für den siebten Platz zu retten. Letztendlich erreichte sein Truck die Ziellinie nur noch am Haken eines Abschleppers.<br />
Lutz Bernau dagegen zeigte sich wieder oben auf. Nach dem völlig verkorksten Most-Wochende hatte er sich nun schon am Vortag mit zwei Siegen die volle Punktzahl in der Klasse der Racetrucks geholt. Das Qualirace am Sonntag verlief allerdings nicht ganz in seinem Sinne. Schon anfangs fing sich der Bayer einen Plattfuß am linken hinteren Außenreifen ein, und fuhr schließlich das Rennen auf der Felge auf einen unter diesen Umständen guten siebten Platz zu Ende. Auch der in der Britischen Meisterschaft - die ebenfalls in diesen Läufen ausgetragen wurde - gestartete Stephen Armstrong musste sich mit einem Reifen weniger zufrieden geben und schaffte auf dem letztjährigen Stuart Oliver-Truck einen respektablen 10. Platz. Sein &quot;Chef&quot; dagegen hatte keinerlei Probleme und setzte mit seinem stark verbesserten Atkins-MAN den in Führung liegenden Egon Allgäuer permanent unter Druck. Wenige Runden vor Schluss ging Stuart Oliver schließlich an seinem österreichischen Markenkollegen vorbei und fuhr einem ungefährdeten Sieg entgegen. Auf Drei folgte mit dem jungen Portugiesen, der den Europameisterschaftswagen von Lutz Bernau aus dem Jahre 2001 übernommen hat, ein weiterer MAN-Pilot.<br />
Im anschließenden Cuprennen wechselte schon in der ersten Runde mehrfach die Führung. Allgäuer, Oliver und Serafin Silva lieferten sich einen äußerst harten Fight, den zunächst der Österreicher für sich entscheiden konnte. Doch nach nicht einmal einer halben Runde bekam der gelbe Pewag-MAN Ladedruckprobleme und verlor erheblich an Leistung. Letztendlich landete Allgäuer mit Rundenzeiten, die um mehr als 10 Sekunden hinter seiner eigenen Bestzeit lagen, auf Rang 15. Vornweg fuhr nun Stuart Oliver, verfolgt von dem aus dem Mittelfeld nach vorn gepreschten Lutz Bernau. Auch der Brite blieb vom Schadensteufel nicht verschont. Ein Schlauch für die Wasserversorgung der Bremsanlage hatte sich gelöst und spritzte das Wasser nun direkt auf die Reifen, statt auf die Bremsen. Der grün-silberne MAN kam immer wieder ins Schlingern, verließ mehrfach die Piste und dafür wurde Stuart Oliver dann auch noch mit einer Stop-and-Go-Strafe belegt. Mittlerweile hatte Bernau sich klar an die Spitze gesetzt. Olivers kurzen Boxenstopp nutzte das Atkins-Team zur Befestigung des Schlauchs und der Engländer zeigte ein großartiges Verfolgungsrennen. Vom Ende des Feldes, 17 Fahrer überholend, erreichte er schließlich noch den 5.Rang. 10 Sekunden fehlten nur noch bis zum Podiumsplatz. <br />
Beim Kampf um Platz zwei kam es bereits in der dritten Runde zu einem schweren Unfall. Ausgangs der &quot;Jacky Ickx-Schikane&quot; beschleunigten Silva und J. Rodrigues mit aller Kraft, Silva fuhr auf den MAN seines portugiesischen Landsmannes auf, beide Trucks kamen erheblich ins Schlingern. Während der junge Rodrigues davon stob, drehte sich Silvas Truck eingangs der Zielgeraden und krachte voll in die Boxenmauer, dass sogar ein Riesenbetonstück herausbrach. Hier blieb der Racetruck weit in die Ideallinie ragend an höchst gefährlicher Stelle liegen. Völlig unverständlich daher die Entscheidung der Rennleitung, das Rennen nicht abzubrechen. In den noch folgenden 11 Runden kam es hier immer wieder zu äußerst gefährlichen, harrsträubenden Szenen. Wurde anfangs noch Doppelgelb geschwenkt, durfte nach kurzer Zeit wieder uneingeschränkt gefahren werden. Nicht auszudenken, was bei den diversen Überholmanövern, als die Renntrucks mit vollem Tempo nur um Zentimeter an dem Havaristen vorbeischlitterten, alles hätte passieren können, wäre einer der Trucks in Silvas MAN gedonnert. <br />
So war denn auch der Kampf um den zweiten Podiumsplatz zugunsten von J. Rodrigues entschieden. Um Rang 3 gab es bis zum Schluss harte Auseinandersetzungen zwischen Ross Garrett, Daniel Seiler und Jochen Hahn, das der Mercedes-Pilot nach einem Gerangel in der vorletzten Kurve mit dem Schweizer MAN-Piloten, der gar auf Position 6 zurückfiel, schließlich für sich entscheiden konnte. Garrett musste in der Schlussphase noch um seinen vierten Platz gegen seinen heranstürmenden Landsmann Oliver kämpfen, der dem Foden-Piloten noch liebend gern den Sieg im gesondert gewerteten Lauf um die Britische Meisterschaft entrissen hätte. Gerade die um diese Punkte mit aller Härte geführten Positionskämpfe im Mittelfeld bescherten den insgesamt 35.000 Zuschauer wie immer beim belgischen Truck-rennen Spannung bis zur letzten Runde.