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Le Mans Drumherum

Le Mans Drumherum

14. September 2007Solch angenehme äußere Bedingungen waren für die Truckracer neu in Le Mans. Bisher hatten ihre Rennen ja auch immer erst Ende Oktober auf dem Circuit Bugatti stattgefunden. Sehr irritierend waren die Angaben zu den Zuschauern. Für den Samstag wurden offiziell 35.000 verkündet, und am Sonntag hieß es dann, 40.000 am ganzen Wochenende. Nur waren da die Tribünen mindestens so voll wie am Vortag, und auch im Paddock und an den Verkaufsständen drängelten sich die Massen. Und das sollte nur ein Siebtel des Samstags gewesen sein? Die im Rahmenprogramm gestarteten Seitenwagenpiloten berichteten in ihren Pressemitteilungen von 60.000 Zuschauern. Auf eine schriftliche Anfrage an den Veranstalter mit der Bitte, diese Diskrepanz doch aufzuklären, gab es keine Antwort.
Bei Markus Bösiger, bis 1998 selbst als Pilot in der Sidecar-Weltmeisterschaft höchst erfolgreich aktiv, bis es ihn dann ins Truckracing zog, gaben sich die alten Kollegen und Freunde beinahe die Klinke in die Hand. Am Samstagabend schob man denn auch eine Seitenwagenmaschine ins Buggyra-Zelt, Bösiger und David Vrsecky ließen es sich natürlich nicht nehmen für die Photographen auf die Maschine zu steigen. Da war die Welt bei Buggyra ja auch noch in Ordnung, war doch der Vorsprung auf Antonio Albacete, Bösigers ärgstem Widersacher im Titelkampf auf 52 Punkte angewachsen.
Und dann kam der Sonntag. Erst wurde dem Schweizer allein aufgrund der Angaben eines Marshalls, der Freightliner-Pilot habe einen Corner Marker berührt, Bildaufnahmen davon lagen offensichtlich nicht vor, die schnellste Runde im Zeittraining und damit auch die Pole fürs Quali-Race gestrichen. Bösiger sagte dagegen, dass zwar der vor ihm fahrende Truck den Corner Marker berührt habe, aber nicht er. Eine Protestmöglichkeit gab es nicht.
Ein solcher wurde aber dann nach dem Quali-Race gegen Bösiger eingelegt, wegen Teamabsprache. Teamkollege Vrsecky hatte gegen Ende des Rennens einen etwas überhasteten Angriff auf Jochen Hahn gestartet, war dabei auf Abwege geraten und nahm zu allem Überfluss dann auch noch einen Reifenstapel mit. Das hatte den Vorwärtsdrang des Freightliners natürlich mächtig gedämpft. So konnte der knapp nachfolgende Bösiger an dem dann erst wieder beschleunigenden Vrsecky mühelos vorbeiziehen. Der Protest wurde im Übrigen abgewiesen.
Doch nach dem Cup-Race ging es erst richtig zur Sache. Dem Crash am Ende auf der Startgeraden fielen gleich mehrere Trucks zum Opfer, an vorderster Stelle der Buggyra von Bösiger. Manche waren im Kies, im Bereich der Auslaufzonen liegen geblieben, andere standen dagegen auf der Strecke. Natürlich hätte das Rennen sofort abgebrochen werden müssen. Piloten und vor allem die Marshalls, die mit ihren gelben Fahnen teils auf der Piste standen, um die nachfolgenden Truckracer vor den Wracks zu warnen, waren aufs Äußerste gefährdet. Könnte man hier noch von einer Fehleinschätzung der Situation seitens der Verantwortlichen sprechen, war das, was sich anschließend tat, eine Farce. Manche sahen in dem Unfall schon Anzeichen für eine Verschwörungstheorie gegen Bösiger, der Schweizer selbst wurde von der Rennleitung mit einer 1.000-Euro-Geldstrafe belegt. Er habe versucht, einen Rennabbruch zu provozieren. Tatsächlich folgte der Schweizer aber nur den Aufforderungen der Marshalls, den havarierten Truck sofort zu verlassen und hinter der Boxenmauer Schutz zu suchen. Nämlich genau das, was jedem Autofahrer im Falle eines Unfalls im normalen Straßenverkehr immer wieder gepredigt wird, ist schließlich auch oberstes Gebot in jeder Motorsportserie.
So stand denn auch am Sonntagabend das Diskussionsthema Nr. 1 im Truckracing-Lager, Mercedes-Benz, - zumindest vorübergehend - nicht mehr an erster Stelle.
Zum Schluss wollen wir hier unseren Freitagsbericht noch ergänzen, denn am Montagmorgen haben wir entdeckt, dass es im Norden tatsächlich noch eine zweite Zufahrt zum Paddock gibt. Da dort am Freitag noch die Bauarbeiter das Sagen hatten, war diese zuvor gar nicht aufgefallen. Allerdings ist dieser Weg auch wegen einer Höhenbeschränkung nur für Fußgänger und bestenfalls kleinere Lieferwagen geeignet. Weitere, reine Fußgängertore in den riesig langen Zäunen wären allerdings schon angebracht.